Das Yard – blinder Fleck der digitalen Transformation
Die Digitalisierung hat viele Bereiche der Logistik verändert oder ist gerade dabei sie zu verändern: vom Lager über den Transport bis hin zur Echtzeitverfolgung globaler Lieferketten. In vielen Bereich stehen wir nicht zuletzt durch die neuen und vielfach noch unterschätzten Möglichkeiten und vor allem veralteten Mustern und Denkweisen, sowei der fehlenden Investitionsbereitschaft am Anfang. Und dann existiert da noch ein Ort, der wie ein Relikt aus der analogen Vergangenheit wirkt: das Yard – die letzten Meter vor dem Tor, die scheinbar nur den Pförtner interessieren!
Meine These: Nach 15 Jahren im Yard Management und tiefer Marktkenntnis sowohl in der Hof- als auch Werkslogistik: Klassische Yard Management Systeme (YMS) sind in einer Welt entstanden, die mit der heutigen nichts mehr zu tun hat. Sie arbeiten so wie sie designed sind. Jedoch sind sie für die heutige Zeit und Anforderungen nicht nur unzureichend, sondern gefährden durch ihre Starrheit und Isolation zunehmend die Leistungsfähigkeit moderner Supply Chains. Die Zeit für ein radikales Umdenken ist jetzt.
Historisch wurden YMS häufig auch verwechselt mit Slot Management Systemen (auch durch die Anbieter selbst) als einfache Planungs- und Verwaltungswerkzeuge eingeführt: Zeitfenster buchen, Ankunftszeiten erfassen, Stellplätze verwalten, Tore zuweisen. Doch mit wachsender Komplexität, globalem Wettbewerbsdruck, Sustainability-Fokus und dem Einzug autonomer Technologien, ist das Yard heute ein strategischer Engpass – und gleichzeitig ein unterschätzter Hebel für Transformation.
Analyse des Innovationsstaus: Alte Systeme auf neuen Problemen
Viele Unternehmen haben sich in den letzten Jahren ein YMS zugelegt – in der Hoffnung, Kontrolle und Transparenz zu gewinnen. Doch die Realität sieht oft anders aus:
🧱 Starre Prozesse statt flexibler Steuerung
Klassische YMS funktionieren regelbasiert. Sie bilden Prozesse ab, die einst analog gedacht wurden – nur jetzt digitalisiert. Doch echte Prozessintelligenz? Fehlanzeige. Echtes lernen aus Engpässen? Fehlanzeige! Prozessuale Varianz? Projektarbeit!
🕰 Fehlende Echtzeitfähigkeit
Viele Systeme arbeiten mit veralteten Schnittstellen oder benötigen manuelle Updates. Die Folge: Staus an den Zufahrten, verlorene Zeit, ungenutzte Ressourcen. In einer Zeit, in der jedes Paket verfolgt wird, bleibt das Yard oft ein schwarzer Fleck.
🔌 Isolierung statt Integration
YMS sind häufig nicht oder nur unzureichend in Transport-, Lager- und Produktionssysteme integriert. Die Information fließt nicht durchgängig. Was fehlt, ist ein End-to-End-Gedanke – das Yard als fließender Bestandteil der Kette.
🎭 Buzzwords statt Substanz
„Cloud-basiert“, „mobilfähig“, „User Experience“ – viele moderne YMS werben mit Begriffen, die mehr Schein als Sein sind. Denn häufig versteckt sich dahinter nur die Digitalisierung alter Abläufe – aber keine echte Transformation. Usability, die nach Hilfe schreit und kein neuer Kollege bedienen kann, geschweige denn, sich durch Agentic AI automatisieren lässt!
💬 Der Werksleiter eines internationalen Chemiekonzerns brachte es auf den Punkt:
„Unser YMS ist wie ein digitales Klemmbrett. Alles, was vorher auf Papier war, ist jetzt ein Klick – aber es denkt nicht mit.“

LÖsungsrÄume und Zukunftsvision: Das Yard als lebendiger Organismus
Doch es geht auch anders. Echte Innovation entsteht dort, wo sich Technologie, neue Denkweisen und Zusammenarbeit begegnen. Der Weg zum intelligenten Yard beginnt mit einem Paradigmenwechsel:
🚀 1. Plattformdenken statt Insellösung
Ein modernes Yard ist keine Insel, sondern ein Knotenpunkt in einem dynamischen Netzwerk. Statt Einzellösungen braucht es Plattformen, die Transport, Lager, Produktion und externe Partner in Echtzeit vernetzen. APIs statt Excel. Datenströme statt Deadlocks.
🧠 2. KI-gestützte Disposition und Vorhersage
Warum sollte ein Zeitfenster fix geplant werden, wenn wir die Ankunftszeit voraussagen können? Natürlich, weil das Lager ja auch starre Zeiten für die Bereitstellung und Kommissionierung nutzt. Ein Argument unserer Legacy Systeme! KI kann auf Basis von Verkehrsdaten, Produktionsstatus, Lagerinformationen und Prioritäten die ideale Steuerung übernehmen – proaktiv, adaptiv, lernfähig. Und dies sowohl nach Innen in Richtung Lager und Produktion als auch nach außen in Richtung Spedition, Sequenzierung, etc.
🌐 3. Digitale Zwillinge & Echtzeit-Transparenz
Sensoren, Gate-Kameras, GPS und Telemetrie liefern heute eine Vielzahl an Daten. Doch sie werden oft nicht genutzt. Ein modernes Yard-Ökosystem nutzt IoT, um in Echtzeit zu reagieren: von der Schranke bis zur Verladung.
🦾 4. Autonomes Yard Management – vom Mensch-Maschine-Zusammenspiel zur Autonomie
Autonome Fahrzeuge, automatische Zuweisung von Stellplätzen, digitale Begleitdokumente – was heute wie Zukunft klingt, ist vielerorts bereits Realität in der Pilotierung. Die Vision: ein Yard, das selbstständig agiert, Engpässe erkennt, disponiert und lernt.
🤝 5. Neue Ökosysteme und Kollaboration als Katalysatoren
Innovation entsteht nicht im Silo. Es braucht Partnerschaften zwischen Logistikern, Tech-Startups, Industrieunternehmen und Beratern – auf Augenhöhe. Wer heute das Yard neu denken will, muss auch die Art der Zusammenarbeit neu gestalten.
🌍 Open Source, Co-Innovation, Logistik-Communities wie Shift³: Sie schaffen Räume, in denen neue Lösungen getestet, skaliert und in der Breite wirksam werden.
Fazit und Impuls: Der Yard ist reif für den Aufbruch
Das Yard war lange der blinde Fleck der digitalen Transformation – doch gerade hier liegt ein riesiges Potenzial. Unternehmen, die den Mut haben, ihr Yard-Management radikal neu zu denken, schaffen nicht nur Effizienzgewinne. Sie bauen sich einen strategischen Wettbewerbsvorteil – durch:
- kürzere Durchlaufzeiten
- transparente Prozesse
- nachhaltigere Transportketten
- höhere Zufriedenheit bei Fahrern, Kunden und Mitarbeitenden
🚨 Jetzt ist der Moment zu handeln. Warum?
Und weil Nachhaltigkeit nicht warten kann – jede unnötige Minute auf dem Yard ist ein Rückschritt für unsere Emissionen.
Weil sich Technologien wie KI, IoT und autonome Systeme rasant weiterentwickeln.
Weil der Fachkräftemangel uns zwingt, Prozesse intelligenter und selbststeuernd zu gestalten.