Vom SAP R/3 zum Agentic AI Workflow – Meine Reise durch die Evolution des Transportmanagements

Ein persÖnlicher RÜckblick – Verlader im Fokus


Meine ersten Berührungen mit einem Transport Management System (TMS) liegen über 20 Jahre zurück, genauer gesagt im Jahr 2003. Damals habe ich als Berater im Bereich SAP Supply Chain Execution gearbeitet und zwar vor allem bei Industrieunternehmen, also Verladern. Dort habe ich das Transportmanagement in all seinen Facetten kennengelernt: von Inbound-Prozessen inklusive Import, über Outbound-Szenarien bis hin zu komplexen Multi-Standort-Netzwerken, in denen strategische, taktische und operative Transportplanung eng miteinander verzahnt werden mussten.

Besonders prägend war dabei mein Fokus auf die operative, ganzheitliche Steuerung von Transporten. Es ging nicht nur darum, einzelne Transporte zu planen oder Frachtkosten abzurechnen, sondern um die End-to-End-Betrachtung: Wie integriere ich das Lager, wie steuere ich die Versorgung eines Werks, wie laufen Behälter Kreisläufe, wie optimiere ich Laderäume, wie werden Maschinen, Baugruppen und Anlagen optimal transportiert und wie halte ich dabei Servicelevel und Kosten im Griff? Diese Fragen haben meinen Alltag bestimmt und sie prägen mein Denken über TMS bis heute.

Die damaligen SAP-R/3-Funktionalitäten waren aus heutiger Sicht begrenzt, aber sie hatten einen entscheidenden Vorteil: Sie waren schnell einführbar, hoch integiert und für viele Unternehmen ausreichend und mit ein wenig Programmierung auch punktuell erweiterbar. Oft konnten wir innerhalb weniger Wochen, manchmal sogar Tagen, funktionierende Lösungen implementieren. Für viele Verlader war das ein echter Wettbewerbsvorteil, weil sie mit überschaubarem Aufwand Transparenz und Standardisierung in ihre Transporte bringen konnten.

Der grÖßere Kontext

Während ich meine Erfahrungen auf Projekte bei Verladern stütze, zeichnet Graham Parker in seinem Artikel „Why Global Shipping’s Brain Needs a Total Rewrite“ (2025) ein Bild der globalen TMS-Evolution. Er erinnert daran, dass TMS in den 1990er-Jahren als Erweiterung von ERP-Systemen entstanden, getrieben vom explosionsartigen Wachstum des Welthandels. SAP war hier ein Pionier, Oracle folgte bald darauf.

Die Jahre 2005 bis 2015 beschreibt Parker als eine Art „Supercycle“ der TMS-Implementierungen. Weltweit wurden Systeme eingeführt, weil globale Lieferketten immer komplexer wurden, Kund:innen mehr Transparenz und Geschwindigkeit verlangten, regulatorische Anforderungen stiegen und Kosten stärker unter Druck gerieten.

Während Parker diese Entwicklung aus einer Makroperspektive beleuchtet, globale Handelsströme, BCO Shippers, internationale Trade Lanes, habe ich die Mikroperspektive der Verlader miterlebt: die operative Realität in Industrie und Handel. Dort, wo Unternehmen ihre Transporte nicht theoretisch planen, sondern Tag für Tag wirklich steuern mussten über Werke, Länder und Transportmodi hinweg.

Klassische TMS: NÜtzlich, aber nicht mehr ausreichend

Aus Verlader-Sicht haben die klassischen TMS damals einen enormen Fortschritt gebracht. Zum ersten Mal konnten Transporte ganzheitlich betrachtet und gesteuert werden. Doch die Grenzen waren früh spürbar:

  • Schnittstellen waren schwerfällig, Echtzeitinformationen kaum verfügbar.
  • Fehlende Web Fähigkeit und Kollaborations- Möglichkeiten (z.B. Zeitfenster Management oder WEB EDI)
  • Multi-Standort-Planung war nur mit erheblichem Customizing möglich.
  • Workflows waren oft zu starr, um flexibel auf Veränderungen reagieren zu können.
  • Keine strategischen Komponenten in der Standortplanung oder im Bereich Frachtverträge
  • Limitierung auf Transport Execution vs. Planung (fehlende Heuristiken oder Optimierungs- Lösungen)
  • Statische Stammdaten (Routen & Entfernungsnetzwerke) anstatt dynamischer Routen etc.

Heute – 20 Jahre später, nutzen viele Verlader diese alten Systeme immer noch. Oft mit Add-ons! Doch die Welt hat sich verändert: Lieferketten sind globaler, volatiler und komplexer als je zuvor. Datenbasierte Entscheidungen und Automatisierung sind Pflicht und nicht Kür!

KrÄfte der Transformation

Die Kräfte, die heute wirken und die ich bei meinen Kunden in der Praxis nicht nur bei Verladern spüre:

  1. Der natürliche Upgrade-Zyklus

Viele TMS, die in der Supercycle-Phase eingeführt wurden, sind heute technologisch am Ende. Verlader stehen vor der Entscheidung: weiter mit veralteten Systemen arbeiten oder den Sprung ins Neue wagen.

  1. Die SaaS-(R)evolution

Cloud-native Systeme ermöglichen erstmals echte Zusammenarbeit über Standorte, Regionen und Partner hinweg. Für Verlader bedeutet das: eine konsolidierte Sicht auf Inbound, Outbound und Import-Transporte und zwar in Echtzeit. Viele Systeme sind aber auch aus Verlader Sicht eher limitiert, da spezialisiert zum Beispiel nur LKW, kaum Schiene und häufig das Missverständnis zwischen Versand- und Transport Management!

  1. Die API- und AI-Revolution

API-first-Ansätze und KI-Agenten verändern die Logik des Transportmanagements radikal. Verlader können ihre Transporte über verschiedene Werke, Carrier und Regionen orchestrieren, ohne ein monolithisches System betreiben zu müssen. Oft fehlt es hier aber noch an Wissen in den Unternehmen, reale Zukunftsstrategien zu entwickeln!

Agentic AI Workflows – der nÄchste Schritt

Genau hier setzt meine Beobachtung der letzten Monate an: Agentic AI ist für mich die logische Weiterentwicklung.

  • Frachtkostenprüfung wird von KI übernommen, die Rechnungen, Raten und Leistungen sofort abgleicht.
  • Transportausführung geschieht dynamisch: Agenten tendern automatisch, passen Routen an, kommunizieren eigenständig mit Carriern und steuern Ausnahmen.
  • Transportplanung wird zu einem kontinuierlich lernenden Prozess, der sich in Echtzeit an Disruptionen anpasst und Szenarien über mehrere Standorte hinweg optimiert.
  • Kommunikation mit Logistik Partnern anhand dynamischer Schnittstellen, LLM die per Sprache mit dem Fahrer kommunizieren und AI gestütztem Mapping und Schnittstellen Monitoring!

Damit verändert sich die Rolle des TMS: Es ist nicht länger ein System, das Workflows abbildet, sondern eine Plattform, die durch Agenten orchestriert wird.

Meine EinschÄtzung – aus Projekten gelernt

Wenn ich eines aus über 20 Jahren TMS-Projekten bei Verladern gelernt habe, dann das: Technologie allein reicht nicht.

Die Frage, ob wir noch klassische TMS brauchen, beantworte ich so:

  • Technologisch: Nein! Modulare, KI-native Services sind überlegen.
  • Organisatorisch: Noch nicht alle Unternehmen sind bereit, operative Verantwortung an autonome Systeme abzugeben, daher wird die Transformation allein faktisch noch Jahre dauern!

Die größte Hürde liegt nicht in der IT, sondern in der Organisation und Kultur. Vertrauen in Agenten, Governance und Change-Management sind entscheidend.

Fazit: Zwei Perspektiven, ein Ziel

Mein Rückblick aus der Verladerwelt und Parkers globale Analyse führen zum gleichen Ergebnis: Wir stehen an einem Wendepunkt im Transportmanagement.

  • Klassische TMS haben ihre Rolle gespielt und sie waren entscheidend für den Fortschritt der letzten zwei Jahrzehnte.
  • Aber die Zukunft gehört einer orchestrierten, modularen und KI-gesteuerten Welt, in der Agenten die operative Steuerung übernehmen und Menschen sich auf Strategie, Partnerschaften und Innovation konzentrieren.

Die Frage ist nicht, ob wir diesen Schritt gehen. Die Frage ist, wie schnell wir bereit sind, die Technologie von gestern loszulassen und die Welt von morgen zu gestalten.

Quellen

  • Parker, Graham (2025): Why Global Shipping’s Brain Needs a Total Rewrite, Building the next generation of BCO Shipper Supply Chain Software, 18. August 2025.
  • Eigene Erfahrungen aus über 20 Jahren SAP Supply Chain Execution bei Industrie- und Handelsunternehmen (Inbound, Outbound, Import, Multi-Site, operative Steuerung).
  • Gartner (2024): Emerging AI Workflows in Enterprise Applications.

Wer wagt, gewinnt
Ich lade dich ein – ob du Entscheider:in in der Industrie, Logistikleiter:in, Tech-Unternehmer:in oder Investor:in bist:

Lasst uns gemeinsam den nächsten logischen Schritt gehen: vom digitalen Yard zum intelligenten System. Vom Tool zur lernenden Plattform. Vom Silo zum denkenden Ökosystem.

Andre Käber im Beratungsgespräch mit einer anderen Person