Zwölf Monate nach meinem Auftritt im LogTech Podcast hat sich die Logistik-Software-Welt komplett gedreht. Nur scheint das die wenigsten zu interessieren.
Warum auch? Die Zahlen sind gut, es läuft wie immer.
1.500 Personentage für eine WMS-Einführung. Vor 15 Jahren waren es 650. Gleiches Ergebnis.
Diese Zahl habe ich vor knapp einem Jahr im LogTech Podcast genannt, in der Folge „Tacheles mit André Kaeber: Über Mindset, Innovation und tote Pferde im SaaS“.
Ich habe sie nochmal gehört, bevor ich diesen Text geschrieben habe. Und sorry: kein Satz davon ist veraltet.
Genau das ist das Problem.
ZwÖlf Monate, in denen sich alles geändert hat. Nur nicht bei uns.
Seit dieser Aufnahme hat sich die Art, wie Software entsteht, komplett gedreht.
Software bauen ist billig geworden. Coding-Agenten schreiben Produktionscode, Menschen prüfen, entscheiden und verantworten. Was früher ein Jahresprojekt war, ist heute die Arbeit von Wochen. Wir bauen selbst so, jeden Tag. Yard Management, Transport Management, Schnittstellen-Konnektoren, Agenten, Bots…
Systeme reden miteinander. Offene Protokolle wie MCP und A2A machen aus der Schnittstelle das, was sie immer hätte sein sollen: eine Formalität. Die Schnittstelle war das teuerste Argument gegen Austauschbarkeit. Dieses Argument bröckelt gerade.
Agentic AI ist aus der Demo raus und im Betrieb angekommen. Physical AI macht alte Anlagen lesbar, ohne dass jemand sie umbaut. Und KI ist längst keine Funktion mehr, die man dazubucht. Sie ist Infrastruktur. Wie Strom, wie Schiene, wie der Boden, auf dem die Halle steht.
Zwölf Monate, in denen fast jede technische Ausrede ihre Grundlage verloren hat.
Und trotzdem reden wir über dieselben fünf Dinge. Weil sie nie technisch waren.
1. Sales ist nicht euer Problem. Euer Betriebssystem ist es.
Wenn das Wachstum stockt, ist der Reflex immer derselbe. Druck auf Sales. Druck auf Marketing. Neue Kampagne, neues Tool, neue Quote.
Das ist eine Lüge, die sich gut anfühlt. Denn Misserfolg sitzt selten in einer Abteilung. Er sitzt im Target Operating Model, im internen Betriebssystem des Unternehmens.
Im SaaS wird das brutal sichtbar. VC-Druck erzwingt Hockeyschläger-Wachstum. Also holt der Gründer Kunden, die nicht zum Produkt passen. Danach kommt die Individualisierung, die das skalierbare Modell zerlegt. Am Ende steht ein Unternehmen in Silos, das seine eigene Komplexität bezahlt.
„Es ist nie immer nur ein Thema oder ein Problem in einer Abteilung. Eigentlich muss dieses gesamte Betriebssystem überprüft werden.“
Wer ein totes Betriebssystem hat, kann Leads generieren bis zum Umfallen. Er erstickt trotzdem.
2. Das ProduktivitÄts-Paradoxon: ihr zahlt für Stillstand in Hochglanz.
Zwanzig Jahre Systemeinführungen. WMS, TMS, Yard Management, alles doppelt und dreifach. Die Produktivität steht laut Gartner still oder sinkt. Wir laufen auf einer sehr teuren Tretmühle.
Am deutlichsten sieht man das am Aufwand. 650 Personentage vor 15 Jahren. 1.500 heute. Für das gleiche Ergebnis.
Dazu die Modernisierungs-Releases: Millionen, um den technischen Status quo zu sichern. Kein neuer Prozess, kein neuer Kunde, kein neuer Euro. Nur ein Systemstand, der wieder supported ist.
Ein Jahr später ist diese Rechnung noch peinlicher geworden. Die Kosten, Software zu bauen, sind gefallen. Die Angebote für Einführungen nicht. Diese Lücke ist kein Marktpreis. Diese Lücke ist eine Wette darauf, dass ihr nicht nachrechnet.
Rechnet nach.
3. Vollkasko-MentalitÄt: die Angst vor dem Abriss.
Innovation braucht ein Open Mindset. Unsere Wirtschaftskultur hat stattdessen eine Sicherheitsbesessenheit. Wir versichern in Deutschland Dinge, die wir selbst nicht mehr erleben. Den eigenen Tod zum Beispiel.
Diese Vollkasko-Haltung tragen wir in die IT-Landschaft. Wir behandeln Legacy wie ein Heiligtum. Sie ist ein Klotz am Bein.
Sido hat für dieselbe Radikalität einen ganzen Song gebaut, „Pyramiden“: Altes muss weg, damit Neues stehen kann.
„Meines Erachtens musst du ganz ganz viel einfach abschneiden. Abreißen und neu machen.“
Der übliche Einwand dagegen war immer der Preis. Abriss ist teuer, Neubau dauert, Risiko zu groß. Genau dieser Einwand ist in zwölf Monaten verfallen. Neubau kostet heute einen Bruchteil dessen, was er 2024 gekostet hat. Wer jetzt noch das alte Haus streicht, tut das nicht aus Vernunft. Er tut es aus Gewohnheit.
Transformation heißt: Fundament freilegen. Und im Zweifel die Abrissbirne schwingen.
4. Status-Symbole schlagen Innovation. Und das mittlere Management bremst.
Der Widerstand sitzt selten an der Basis. Er sitzt in der Ebene darüber.
Dort geht es nicht um Prozesse. Es geht um den Dienstwagen, das Gehalt und um Macht durch Meetings. Control via Meeting ist keine Führung. Es ist ein Terminkalender, der so tut als ob.
Die Automatisierung bedroht nicht den Disponenten. Sie bedroht die Relevanz einer Führungsebene, die nur noch delegiert und verwaltet. Ein Agent braucht keine Statussymbole und keine Abstimmungsrunde.
Und den Disponenten macht sie stärker, nicht überflüssig. Seine Rolle verschiebt sich. Weniger tippen, mehr entscheiden. Weniger Felder pflegen, mehr Ausnahmen lösen, mehr Regeln setzen, mehr Verantwortung tragen. Das ist Aufwertung, keine Wegrationalisierung. Aber es passiert nur, wenn jemand diese neue Rolle vorher definiert, besetzt und schult. Genau da fällt es in den meisten Unternehmen hinten runter.
Hört auf, Mitarbeiter als Dateneingabeknechte zu missbrauchen. Und fragt euch als Führungskraft ehrlich, ob ihr noch wertschöpft oder nur noch Ressourcen in Meeting-Kaskaden bindet.Wer den Wandel blockiert, um seine Pfründe zu sichern, unterschreibt den Tod auf Raten. Für alle im Haus.
5. Build to Evolve: von Monolithen zur Orchestrierung.
Die Ära der starren ERP-Monolithen ist vorbei. Die Zukunft gehört der Orchestrierung. Software funktioniert wie ein modulares Puzzle. Wir nennen das Build to Evolve.
Der neue KPI ist nicht die eierlegende Wollmilchsau. Der neue KPI heißt Redundanz und Austauschbarkeit. In einer volatilen Welt entscheidet die Fähigkeit, einen Logistikdienstleister oder ein Systemmodul on the fly zu wechseln. Das ist kein Architektur-Luxus. Das ist Überlebensfähigkeit.
Die Hebel dafür stehen bereit. Agentic AI entscheidet autonom über Systemgrenzen hinweg. Physical AI macht Bestandsanlagen lesbar: Das US-Startup Guidewheel misst den Zustand uralter Maschinen nicht über teure Sensorik, sondern über den Stromverbrauch. Jedes alte Objekt wird so ansprechbar. Und günstige Energie ist der eigentliche Motor darunter, weil Rechenleistung sonst zum Standortnachteil wird.
Was vor einem Jahr noch Absicht war, ist heute Baustelle. Offene Protokolle sorgen dafür, dass Module miteinander sprechen, ohne dass jedes Mal ein Integrationsprojekt daraus wird. Austauschbarkeit war früher eine Folie. Sie ist jetzt eine Entscheidung.
George Bernard Shaw hat das vor über hundert Jahren sauber formuliert: Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an, der unvernünftige besteht darauf, dass die Welt sich ihm anpasst. Aller Fortschritt hängt vom unvernünftigen Menschen ab.
In der Logistik sind wir seit zwanzig Jahren sehr vernünftig.
Fazit: der Mut zum radikalen Schnitt
Logistik-Innovation ist kein Software-Feature, das man dazubucht. Sie ist eine Frage der Haltung.
Wer ineffiziente Prozesse digitalisiert, hat am Ende digitale ineffiziente Prozesse. Schneller falsch ist immer noch falsch.
Ein totes Pferd wird nicht lebendig, weil ihr ihm einen Agenten aufsattelt. Es wird nur teurer.
Weg von der Verwaltung des Mangels. Hin zur Schöpferkraft. Das heißt Experimentierfreude, radikale Simplifizierung und die Einsicht, dass Redundanz heute eine Stärke ist.
Zwölf Monate lang hat sich die Technologie bewegt. Wir nicht. Die Ausreden sind uns ausgegangen, die toten Pferde stehen noch im Stall.
Seid ihr bereit, abzusteigen, bevor der Markt euch absteigen lässt?
Wer wagt, gewinnt. Fast Immer!
Wer nichts wagt, hat schon verloren!
